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Stellungnahme: Gefährdete Zukunft von Österreichs Moderne: Architektur als „Manövriermasse“

Die österreichische Landesgruppe der seit 1988 international tätigen NGO DOCOMOMO spricht von einem Systemversagen im Umgang mit zentralen Denkmälern der Moderne und Spätmoderne in Österreich. Vom Substanzverlust am Wiener Karlsplatz bis zur nun drohenden Totalüberbauung der Pädagogischen Hochschule in Linz: Ein problematisches Zusammenspiel von Denkmal- und Baubehörde, Architekt:innen und Eigentümerschaft führt selbst bei zentralen Bauwerken zum Verlust ihrer schützenswerten Eigenschaften. Eine
kritische, breite Diskussion bleibt aus, während immer mehr Objekte verschwinden, deren Erhalt per Gesetz im öffentlichen Interesse stünde. Nur durch bedachte Eingriffe, die die Qualitäten und Werte der historischen Bausubstanz respektieren und klug in die Zukunft führen, können internationale Standards der Denkmalpflege und Architekturpraxis erreicht und herausragende Zeugnisse der Architektur für Generationen bewahrt werden.

Während die wissenschaftliche Inventarisierung und Erforschung der österreichischen Nachkriegsmoderne im Bundesdenkmalamt (BDA) verspätet Fahrt aufgenommen hat, offenbart die denkmalpflegerische und baukulturelle Praxis im Austausch aller Beteiligten ein alarmierendes Defizit. DOCOMOMO Austria warnt vor einer fortschreitenden Aushöhlung des Denkmalschutzes: Architektonische Meilensteine der österreichischen Moderne und Spätmoderne werden – trotz ihres Schutzstatus – zunehmend wirtschaftlichen Verwertungsinteressen und radikalen Umbauplänen geopfert.
Es handelt sich um eine strukturelle Problematik, in der das Bundesdenkmalamt häufig als alleiniger Gegenspieler überladener Programme seitens öffentlicher oder privater Auftraggeber agieren muss sowie einer Architekt:innenschaft gegenübersteht, die mit Begriffen wie „Integrität“ und „Authentizität“ der Originalsubstanz und mit dem einschlägigen internationalen Diskurs vielfach kaum vertraut ist. Entsprechende Rückstände in der Architektur-Ausbildung werden nur langsam aufgeholt – der Umbau wird zum Neubau.
Aktuelle Beispiele belegen diese Tendenz und lassen ein Muster erkennen: Bedeutende
Bauwerke werden trotz zugesprochenem Denkmalschutz bis zur Unkenntlichkeit umgebaut, auf ihre bloße Hülle oder auf ihre tragende Struktur rückgebaut – ihr Charakter und somit Zeugniswert gehen verloren. Der fachfremden Öffentlichkeit hingegen werden die vom BDA „begleiteten“ Projekte als Best Practice vermittelt, wodurch die eklatante Diskrepanz zur internationalen Debatte über einen fachgerechten Umgang mit historisch, künstlerisch und kulturell bedeutsamer Bausubstanz überdeckt wird.

Wien Museum: Totalüberformung statt räumlicher und materieller Integrität

Der Umbau des ikonischen ersten Museumsbaus der Zweiten Republik (1954–1959) am Wiener Karlsplatz – das Werk eines der renommiertesten österreichischen Architekten seiner Zeit, Oswald Haerdtl – wurde äußerst kritisch diskutiert, da die Transformation des Wien Museums durch den Rückbau auf das nackte Stahlbetonskelett faktisch einem Neubau gleichkommt.

Dieser Umgang widerspricht den international gültigen Grundsätzen der Denkmalpflege, die primär auf den Erhalt der materiellen Echtheit und der originalen Substanz abzielt. Das Denkmal verkommt so zur bloßen „Kulisse“, während die historische Integrität des ursprünglichen Entwurfs verloren geht. Im konkreten Fall gingen durch den neuen Vorbau, den mas-siven Dachaufbau, die Verbauung des Innenhofs sowie den Austausch der Fenster und – wenn auch nicht bauzeitlichen, so doch rund 40 Jahre alten – Fassadenplatten der Charakter der 1950er-Jahre und jegliche Patina vollständig verloren. Kritische Berichte in Presse und Fachöffentlichkeit sind verhallt und haben nicht dazu geführt, Missstände zu beseitigen – etwa überzogene Raumprogramme zu hinterfragen, die mithin entscheidend für den Totalumbau des Wien Museums waren.

Weitere Beispiele stellen nur eine Auswahl laufender Projekte dar und belegen diese prob-lematische Praxis als Status quo in Österreich:

Hallenbad Neusiedl: Bedrängung einer brutalistischen Ikone

Ein baukulturelles Drama spielt sich derzeit in Neusiedl am See ab – erneut im Zusammenspiel von Behörden, Architekt:innen und Bundesdenkmalamt. Das nach Plänen von Walter Hutter und Rüdiger Stelzer (1974–1977) errichtete Hallenbad – ein international beachtetes, seltenes Zeugnis des Brutalismus in Holzkonstruktion – verliert im Zuge der laufenden Sanierung und Erweiterung vollkommen seine architektonische Charakteristik: Die Lehrschwimmhalle wurde bereits abgerissen und durch einen großvolumigen Zubau ersetzt. Durch massive Erweiterungen – allen voran einen dominanten Hotelneubau – wird das Bad in seiner einstigen solitären Kraft und Einbettung in den Schilfgürtel buchstäblich umzingelt, während im Inneren ein großer Teil der wertvollen bauzeitlichen Ausstattung entsorgt wurde.

Besonders augenfällig ist, dass die neuen Zubauten in ihrer architektonischen Qualität eklatant hinter dem Bestand zurückbleiben und damit ein qualitätsvolles Weiterbauen im Sinne eines spezifischen „entwerferischen Dialogs mit dem Denkmal“ negieren.

Siedlung Sintstraße: Baukulturelle Bankrotterklärung

Ein verheerendes Signal für den städtebaulichen Denkmalschutz setzt der Umgang mit der von Curt Kühne geplanten Siedlung Sintstraße (1927–1931) in Linz. Es handelt sich um einen der wichtigsten Anlagen des kommunalen Wohnbaus der Zwischenkriegszeit in Oberösterreich, entworfen vom damaligen Linzer Stadtbaudirektor.
Nach jahrelangem Tauziehen gab das Bundesdenkmalamt dem Druck des Investors nach, woraufhin sieben der achtzehn geschützten Häuser vollständig abgerissen wurden. Bei den verbleibenden Objekten – rund um den zentralen Anger – wurde eine Lösung gewählt, die einer De-facto-Zerstörung der Bauten gleichkommt: Die Gebäude wurden bis auf die Außenmauern entkernt.

Das Beispiel verdeutlicht, dass der Schutzstatus eines Baukomplexes in der derzeit gängigen Praxis dessen Zerstörung nicht verhindern kann und die Integrität eines Gebäudes – die nicht nur das Volumen, sondern auch Räume und Substanz samt Patina miteinschließt – trotz klarer Gesetzeslage nicht gegen wirtschaftliche Interessen abgesichert ist.

AKUTER ANLASSFALL

PÄDAK Linz: kurz vor der Totalüberformung

Alarmierend ist auch die aktuelle Situation bei der Pädagogischen Hochschule der Diözese Linz (PÄDAK) am Freinberg. Das von Franz Riepl und Othmar Sackmauer geschaffene Ensemble (1969–1975) gilt als eines der bedeutendsten Beispiele österreichischer Schularchitektur seiner Zeit von internationaler Reputation – ein zudem kulturgeschichtlich wichtiger Ort, an dem neue Lern- und Lehrkonzepte erprobt wurden.

Bis dato ist es noch bis zur Möblierung erhalten. Ein Teil der landschaftlichen Anlage wurde allerdings bereits grob neuen Sporteinrichtungen geopfert. Nun droht durch die anstehende Sanierung und den Wunsch nach einer Nutzungsverdichtung seitens der Diözese die Totalüberformung unter Verlust des Gesamteindrucks eines sukzessive, über die Jahrzehnte gewachsenen Komplexes.

Trotz Denkmalschutz steht durch das sich ausweitende Campus-Projekt der Verlust der
architektonischen Integrität des denkmalgeschützten Baus mit herausragenden innenräumlichen Belichtungssituationen bevor: Neueste Renderings zeigen, dass die Aufbauten seit der Durchführung des Wettbewerbs massiv an Volumen gewonnen haben und zusätzliche Neubauten die gewachsenen Raumansprüche befriedigen sollen – mittlerweile auch auf der benachbarten, südseitigen Wiese. Dies, obwohl die Jury ausdrücklich lobte, der Siegerentwurf versiegle keine weiteren Grünflächen.
Auch das Studentenhaus soll mittlerweile aufgestockt werden – ein Vorgängerprojekt war vom Gestaltungsbeirat ehedem abgelehnt worden. Damit wird das bisherige Weiterbauen an diesem Ort seit der Gründerzeit unleserlich gemacht, qualitätsvolle Innenräume und Belichtungssituationen gehen verloren.

Auch hier scheint man durch das Fehlen einer fachgerechten Koordination zwischen Behörde, Architektur und Nutzerschaft das denkmalgeschützte Objekt mit seinen Denkmalwerten aus den Augen zu verlieren und zur „Manövriermasse“ zeitgenössischer Interessen zu machen.

FORDERUNGEN

– Der behördliche Denkmalschutz braucht Mut und Mittel seinen eigenen gesetzlichen Vorgaben (DMSG) zu folgen und sie konsequent durchzusetzen.

– Architekt:innen müssen zu einem sorgfältigen und uneigennützigen Weiterbauen befähigt werden: Qualität im Bestand entsteht nie gegen die Substanz.

– Öffentliche und private Auftraggeber sind verpflichtet, gegenüber Denkmälern denkmalpflegerische Standards einzuhalten; gerade dann, wenn sie sich der einfachen Kapitalisierung widersetzen und eine „Spur“ in die Vergangenheit legen. „Denkmalwürdigkeit“ ist kein Makel.

Die PÄDAK Linz könnte zum paradigmatischen Objekt werden, durch das sich ein Um-denken einleiten ließe. Dazu braucht es vor allem eine kritische öffentliche Debatte und eine entsprechende mediale Begleitung.
Zunächst müsste deutlich werden, dass an der PÄDAK die Fortschreibung eines grund-legenden Defizits im denkmalpflegerischen, gestalterischen und behördlichen Umgang mit denkmalgeschützten Objekten droht. Dieses ist wiederum auch die Folge eines fehlenden öffentlichen wie fachlichen Diskurses, der sicherstellen sollte, dass geschützte Substanz nur durch qualitätsvolle Sanierungen und eine angemessene Weiternutzung in die Zukunft geführt werden kann.

Die Folgen der „Bauwende“ scheinen dem keinen Abbruch zu tun, da eine zupackende Umbaukultur zur Tugend architektonischer Entwürfe geworden ist, die den Bestand nicht an sich, sondern nur als „Ideengeber“ wertschätzt: Dass Weiterbauen auch klug gesetzte, dosierte Eingriffe oder qualitätsvolle Neubauten im Dialog mit dem Ort bedeuten kann, scheint allzu oft in Vergessenheit zu geraten. Die Denkmalpflege verkommt aber zum Lippenbekenntnis, wenn die im öffentlichen Interesse zu schützende Substanz wie ein beliebiges Umbauprojekt behandelt wird!

DOCOMOMO Austria fordert alle Beteiligten – insbesondere das BDA und die einschlägigen Lehrstühle an den Hochschulen sowie die öffentliche Hand – dazu auf, über die Praxis der Denkmalpflege in Österreich in den kritischen und offenen Diskurs zu treten, um das Niveau internationaler Best Practice-Beispiele zu erreichen und der eigenen Gesetzeslage nachzukommen. Es mangelt in Österreich an einem sensiblen Umgang mit Denkmalen der Moderne, der ihre materielle Integrität, räumliche Wirkung und bauliche Qualität als unverzichtbares kulturelles Erbe ernst nimmt. Der historische Baubestand darf nicht länger als „Manövriermasse“ gelten.

Bei der PÄDAK in Linz kann hierfür ein später Anfang genommen werden!

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Kenyongasse 18/5, 1070 Wien, AUT

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